Selbstverständnis

Den f.a.q – infoladen gibt es seit Oktober 2009 in Berlin-Neukölln.

f.a.q. – das steht einerseits für das bekannte Kürzel frequently asked questions, also häufig gestellte Fragen. Dies soll zum Ausdruck bringen, dass Themen wie Geschlechtervielfalt aber auch Diskriminierung aufgrund des (zugeschriebenen und/oder selbstgewählten) Geschlechts keineswegs neu sind, dabei jedoch kaum an Aktualität und Brisanz verloren haben. Gleichzeitig soll das Buchstabenkürzel auch die Ausrichtung des Ladens widerspiegeln:

  • f wie feministisch,
  • a wie antisexistisch und
  • q wie queer.

Alle drei Begriffe haben ihre Geschichte. Weder Feminismus, Antisexismus noch Queer sind klar definiert und es gibt verschiedene politische Selbstverständnisse / Strömungen. Im folgenden wollen wir kurz umreißen, auf welche wir uns positiv beziehen.

Der Bezug auf Feminismus soll verdeutlichen, dass wir uns dem Kampf gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und Ungleichheit verpflichtet sehen, die immer noch mehrheitlich Frauen trifft. Wir beziehen uns mit unserer Kritik auf das moderne Geschlechterverhältnis, welches wir als historisch gewachsen begreifen. Die moderne Zweigeschlechtlichkeit wird maßgeblich durch diverse materielle Gegebenheiten, wie Eigentumsverhältnisse, Sphärentrennung (privat/öffentlich, Reproduktion/Produktion), Kleinfamilien, etc. hergestellt.
Gleichzeitig beziehen wir uns positiv auf postkoloniale Kritik an (weißen, bürgerlichen) feministischen Bewegungen. Das heißt, uns ist wichtig zu reflektieren und transparent zu machen wer für wen spricht und dass auch Machtverhältnisse, die nicht das Geschlechterverhältnis betreffen, benannt werden. Auf Grundlage dieses Selbstverständnisses finden wir Solidarität aber immer noch cooler als Individualisierung: wir kämpfen dagegen, dass Personen diskriminiert oder unterdrückt werden, weil sie (z.B.) als Frau wahrgenommen werden. Wir ziehen aus dem „es gibt kein wir, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse auf jede_n anders wirken“ nicht den Schluss, dass jede_r nur auf Grundlage der eigenen Erfahrung sprechen kann/muss. Universelle (für alle gültige) Kritik wollen und können wir nicht formulieren, aber wir brauchen trotzdem Begrifflichkeiten um die Möglichkeit einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu erhalten. Und um sich über diese Kritik auch streiten zu können und sie weiterzuentwickeln.

Antisexismus hat für uns einen starken praktischen Bezug. Unter antisexistischer Arbeit verstehen wir die Beschäftigung mit Formen sexualisierter Gewalt und sexistischen Übergriffen, also Empowerment sowie Aufklärungs- und Unterstützungsarbeit. Wichtig ist uns Abstufungen (der Gewalt und des Umgangs mit ihr) zu beachten.
Wir möchten beides thematisieren, kritisieren und bekämpfen: Zwang zur Sexualität, wie auch Einschränkung der Möglichkeit Sexualität zu leben. Dabei beziehen wir uns aber nicht per se positiv auf individuelle [subjektive?] Bedürfnisse, denn diese sind in gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen entstanden und als von diesen beeinflusst zu reflektieren. Das konsensuale Prinzip bei sexuellen Beziehungen ist für uns oberstes Gebot. ‘Pro Sex’ bewegt sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Emanzipation von und Zwang zu (einer bestimmten / als normal geltenden) Sexualität. Asexualität ist meist negativ konnotiert, wird pathologisiert, gilt als unnormal und wird oft nicht mitgedacht. Das wollen wir nicht. Außerdem ist uns wichtig, nicht auszublenden, dass es auch sexistisches Verhalten gibt, das nichts mit Sexualität zu tun hat, z.B. das Nichtrespektieren von Selbstdefinition(en).

Q wie queer steht dafür, dass wir Geschlechterkategorien nicht als biologische Tatsachen, sondern als gesellschaftliche Konstrukte verstehen. Unter queerer Politik verstehen wir anti-identitäre Politiken wie auch eine Kritik an (normierenden) Identitäten. Und zwar sowohl theoretisch wie auch praktisch. Wir wollen das binäre Geschlechterkonzept, Schönheits- und Gesundheitsideale, wie auch Standard-Beziehungs-, Sexual- und Lebensentwürfe in unseren und anderen Köpfen und Praxen aufbrechen.
Wichtig ist uns, die Selbstdefinitionen / Identitäten bzw. Nicht-Identitäten von allen Menschen anzuerkennen. Und gleichzeitig Verhalten, was diesem Selbstverständnis entgegen steht und/oder in anderer Weise Leute diskriminiert bzw. unterdrückt zu kritisieren und dem entgegen zu treten.
Dabei kommen wir um folgende Fragen wohl nicht herum: welche_n Begriff_e von Identität haben wir?
Es ist für uns ein Unterschied, ob Menschen sich nicht einordnen wollen oder sich nicht einordnen können oder beides gleichzeitig. Es gibt immer Identitäten, ob selbst gewählt, selbst reproduziert oder als Zuschreibung von anderen (Beispiele sind Transidentitäten, Staatsangehörigkeit, Schwarz oder weiß sein). Identität auf Grund einer konkreten, praktischen Realität kann erstmal ziemlich unpolitisch sein.
Politik auf der Grundlage einer gemeinsamen Identität produziert Ausschlüsse. Wir finden es wichtig, bei politischer Arbeit zu reflektieren aus welcher Position sich warum auf welche Identität bezogen wird. Bei manchen sozialen Kämpfen kann es temporär wichtig und notwendig sein, sich auf eine gemeinsame Identität zu beziehen. Identitätspolitik von außerhalb (als Nicht-Betroffene_r) zu kritisieren finden wir nicht leicht bis heikel und muss gut überlegt sein.
Bei unserer Schwerpunktsetzung auf Feminismus, Antisexismus und queer politics wollen wir den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen verlieren. Wir halten nix von der Unterteilung in Haupt- und Nebenwidersprüche. Wichtig ist uns die Verknüpfung verschiedener politischer Schwerpunkte und Aktionsfelder. Wir erhoffen uns, dass der Laden ein Ort wird, an dem eine Vernetzung über verschiedene „Politikszenen“ hinaus stattfinden wird.